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 Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II

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Rosy115
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BeitragThema: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   Do Dez 12, 2013 12:14 pm

Kapitel II: Am Mittwoch Morgen sah die Welt trüb aus



Am Mittwoch Morgen sah die Welt trüb aus. Ein trockener Wind blies den Sand wie kleine Spielbälle vor sich her und kratzte in den Augen. Der Schlafmangel saß in den Knochen. Seit Tagen fegte nachts und tags ein Sturm um das Haus. Die Tiere waren unruhig. Pa war unruhig, denn die diesjährige Rinderauktion in Reno würde nicht so viel Geld bringen wie im den vergangenen beiden Jahren. Nach einem besonders guten Weidejahr mit einem milden Winter und einem früh einsetzenden, feuchten Frühling gab es ein zu großes Angebot an guten Tieren, das den Preis drücken würde. Und ob die neue Zucht aus Dakota, die sie jüngst angekauft hatten, im ersten Jahr bereits Ertrag abwarf, schien sehr fraglich zu sein. Gleichzeitig würden einige besondere Instandhaltungskosten auf die Familie zu kommen, die durch das Alter der Ranch zu erwarten waren. In die geplanten Geschäfte mit Chapman würden Investitionen fällig werden, die sich vielleicht erst in einigen Jahren bezahlt machen würden.
Hoss war unruhig. Sein innig geliebter Chubb hatte sich etwas Scharfes in den Huf eingetreten und die Wunde hatte sich entzündet. Trotz aller Wundbäder, die sich bei dem ungeduldigen Tier als schwierig durchzuführen erwiesen, und Salbenbehandlungen wollten sich keine Erfolge zeigen. Er würde doch durchhalten? Er hatte das Pferd von klein auf großgezogen.
Little Joe war unruhig. Es war nichts los. Mit seinem Mädchen hatte er sich gestritten. Das Wetter trug das Seinige zur allgemeinen Unruhe noch bei. Und Adam, der seit Stunden versuchte, die vom Sturm aufgeworfenen Löcher im Dach der großen Scheune abzudichten, hatte heute seinen Termin mit der „Schönen Rosalie“. So nannten die Männer im „Blutigen Stiefel“ die Frau vom Combstock Place. Er kniete oben inmitten der losen Holzschindeln, die der Wind immer wieder neckisch davon zu treiben versuchte, und runzelte die Stirn. Vielleicht hatte er sich da zu leichtsinnig auf etwas eingelassen. Die Arbeit auf der Ranch ruhte nicht, und er hatte viel zu tun. Wenn er sich nicht über die Abrechnungen setzte, würde es wieder an Pa hängen bleiben.
Um Mittag war noch nicht halb so viel getan, wie er eigentlich wollte. Pa würde nicht zufrieden sein. Endlich legte sich wenigstens der aufdringliche Wind. Adam holte sich am Brunnen vor dem Haus einen Schluck Wasser. Es tat gut. Er spürte, wie erschöpft er war.

Rosalie Chapman wurde am Nachmittag pünktlich von einem gutmütig aussehenden Männlein in einem kleinen, vornehmen Wagen mit aufgespanntem Dach in den Hof gefahren. Adam trat rasch auf sie zu und half ihr aus dem Gefährt. Er bekam ein mehr als freundliches Lächeln. So offen! Ergeben küsste er ihren Handrücken und – freute sich sehr über seinen Besuch! Unwillkürlich musste auch er lächeln. „Sie sind wirklich gekommen?“, fragte er sie mit einem galanten Augenaufschlag. Als Antwort umfing ihn ein herzliches Lachen. „Dachten Sie, ich würde diese Chance, endlich einmal das zu tun, was ich gerne möchte, nicht nutzen und Sie könnten mich so einfach loswerden?“
„Das fiele mir überhaupt nicht ein! Schön, dass Sie hier sind! Kommen Sie, ich habe uns ein kleines Kämmerchen hergerichtet, in dem wir ungestört arbeiten können.“ Adam führte seinen Gast in einen kleinen Nebenraum der Küche, der von Zeit zu Zeit von Hands als Schlafraum genutzt wurde, momentan jedoch unbenutzt war. „Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht!“ „Aber wie könnte ich! Dies ist ein richtiges kleines Büro. Wir wollen ja etwas arbeiten!“ Adam wollte über andere Möglichkeiten nicht nachdenken…
Er hätte ihr, wie er das zu tun pflegte, beim Ablegen ihrer Garderobe geholfen, doch sie trug wie beim letzten Mal keinen Umhang. Ihre schönen Lippen schienen wieder den gleichen Farbton zu haben wie ihr weit schwingendes Kleid. Es war lachsfarben, würde er meinen, und ließ viel von den Schultern und dem Dekolleté frei. Doch sie trug es wie selbstverständlich und es wirkte an ihr nicht freizügig, sondern einfach elegant und schön. Auch heute umspielte nur eine hauchzarte Stoffbahn ihre Schultern.
„Darf ich?“, fragte er trotzdem. Trotz dessen er nicht wusste, ob auch dieser Hauch von „Umhang“ von einem Gentleman abgenommen wurde. „Gerne! Vielen Dank! Sie wundern sich vielleicht ein wenig. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich die üblichen Umhänge nicht mag. Sie schnüren einen am Hals ein und rutschen auf den Schultern herum. Als Kind habe ich es nicht ausstehen können, in diesen Undingern herumlaufen zu müssen. Ich weiß, dass Damen diese zu tragen pflegen, aber ich bevorzuge eine leichte Stola.“ Sie warf ihm einen Blick zu, den er kaum zwischen Unschuld, Koketterie und Entschuldigung verorten konnte. „Ich mache mich damit wohl nicht gerade beliebt bei den Frauen im Ort! Aber deshalb schnüre ich mich nicht freiwillig in einen Umhang. Das aride Klima in Nevada lässt das Tragen einer bloßen Stola ja meistens zu!“ Dazu wusste er nicht viel zu sagen, außer: „Es sieht in jedem Falle sehr hübsch aus! So etwas sehen wir auf der Ponderosa nicht oft!“

Adam holte in der Küche Tee. Sachte stellte er die rote Zwiebelkanne und zwei Tassen auf den groben Tisch. Vielleicht war dies kein passender Ort für sie. Der Raum war mehr als spartanisch eingerichtet, so dass er je nach Bedarf umfunktioniert werden konnte. Aber Adam wollte nicht mit ihr im Wohnzimmer des Hauses sitzen, wo immer wieder jemand hereinkommen würde. Die Brüder interessierten sich so schon genug. Sie würden später noch einen Tee alle zusammen trinken. So hatte Pa es vorgeschlagen, der den Gast auch bewillkommnen wollte.
Außer dem Tisch und drei Captain Chairs befand sich momentan nur ein einfaches Regal in der Kammer. Rosalie stand am Fenster der Rückwand und schaute hinaus. Er trat hinter sie, und sie begann ein Gespräch über die Ponderosa, über die raue Schönheit des weiten Landes, über die majestätischen Pinien, die Lebensadern der Ranch, über die knorrigen Kakteen, über den ewigen Staub in der Luft, über das Sirren der heißen Luft zur Mittagszeit und wie sehr ihr das alles gefiel. Sie schien es ernst zu meinen, obwohl es nicht recht zu ihrer Zartheit passte! Als Rancherin würde sie sich vermutlich nicht eignen…
Er roch ihren Duft nach – ja, nach Vanille. So, halb hinter ihr stehend, konnte er ihre Frisur genauer anschauen. Sie trug das Haar wie beim letzten Mal, und es schien ihm kompliziert arrangiert zu sein. Die langen Haare waren nicht offen, waren jedoch auch nicht zu einem Zopf gebunden. Vielmehr waren die äußeren Stränge zu einem kunstvollen Geflecht eingebunden, so dass, … . Ach! Es verhieß auf jeden Fall mehr als es zuließ!

„Wo stammen sie eigentlich her?“ Lässig, das schwarze Hemd über der Brust halb offen stehend, lehnte er sich gegen den Fensterrahmen und schaute sie nun von vorne an. Was war mit ihr? Er konnte überhaupt nicht sagen, ob sie wirklich so unendlich naiv, beinahe kindlich und unbedarft war oder ob er doch eher eine raffinierte, sich ihrer anziehenden Wirkung voll bewusste Frau vor sich hatte. Vielleicht spielte sie mit diesem widersprüchlichen Reiz? Adam zog unbewusst die Augenbrauen hoch. Er jedenfalls wollte das Spiel aufnehmen…

„Ich wurde in Warm Springs geboren!“, antwortete Rosalie Chapman. „Kennen Sie es? Es ist ein kleines, verschlafenes Nest an der Westküste!“ „Ich habe davon gehört. Es liegt nicht weit entfernt von San Francisco. Gingen sie dort zur Schule? Sie erwähnten bei ihrem letzten Besuch eine Klosterschule!“
„Nein. Meine Eltern schickten mich nach Saint Louis, Missouri.“ Ihr Blick schien sich in der Ferne zu verlieren. Als sie nichts mehr sagte, fügte er an: „ Ich bin auf dem Weg nach Boston zum Studium dort durchgekommen. Es ist eine sehr interessante Stadt!“ „Sie haben in Boston studiert?“ Sofort war er wieder da, ihr heller, lebendiger Blick, dessen Funken in der Luft zu explodieren schienen.
Warum trug sie so wenig Schmuck? An den Ohren hingen kleine Perlen, doch der Hals war aufregend nackt. Zum ersten Mal in seinem Leben überlegte er sich, dass eine Halskette wie eine Art Kleidungsstück war. Sie verbarg auch etwas von der Haut, sie lenkte ab. An der Hand entdeckte er einen einzigen Ring, dessen zahlreiche kleine Diamanten zu einer Art Blume angeordnet waren. Wahrscheinlich ihr Verlobungsring. Zu protzig, wie er fand! Alles andere an ihr war dezent.
„Ja, meine Mutter stammte aus Neuengland!“, erwiderte Adam. „Ich wollte die Gegend einmal kennen lernen. Mein Vater hatte mir viel davon erzählt.“ „Darf ich Sie fragen, was mit ihrer Mutter geschehen ist?“, tastete sie sich behutsam vor. Eigentlich hätte er gerne mehr über sie erfahren!
Adam erzählte von dem, was er von Pa über seine Mutter Elizabeth und deren Tod wusste, erzählte von ihrer gemeinsamen Reise zu zweit, anfangs noch mit Kinderfrau, aber ohne den Großvater, den der Vater auf Wunsch des alten Mannes an der Ostküste zurückgelassen hatte. Er berichtete von Inger, der Mutter von Hoss, und dem furchtbaren Ereignis, das ihm diejenige Mutter genommen hatte, die er gekannt hatte, und schließlich erzählte er von Marie, von seiner dritten Mutter, an die er sich am besten erinnerte. Und von deren tragischem Tod. Er wusste auch nicht, weshalb er ihr das alles erzählte.
Die Ereignisse waren geschehen, wie sie waren, und er hatte sie längst verarbeitet, doch die ehrliche Betroffenheit in ihren Augen und der mitfühlende Blick berührten ihn. Schließlich löste er sich vom Fenster. Der Tee auf dem Tisch war kalt geworden. So etwas Dummes!
Durch das Fenster auf der Vorderseite sah er Sam über den Hof gehen. Eines der Kälber hatte sich das Bein gebrochen, es war wohl nicht mehr zu retten. Sam wollte sich darum kümmern.

„Der Tee ist kalt geworden. Ich werde einen neuen holen!“, meinte Adam. „Das ist doch nicht nötig. Lassen sie bitte!“ Rosalie löste sich auch von ihrem Platz am Fenster und er schob ihr schnell einen Stuhl hin. Als sie sich beide gesetzt hatten, begannen sie, sich über ihr umfangreiches Projekt Gedanken zu machen.
Offensichtlich hatte sie ihren Mann in den Griff bekommen. Dieser hatte seine, oder besser ihre „Ray-Chapman-Stiftung“ auf den Weg gebracht – wenn es nach Adam  gegangen wäre, hieße die Stiftung anders – und Chapman hatte im Konsortium der Haupteigner der Helmer’sDream Mines wie auch immer bei der Sitzung vor zwei Tagen erreicht, dass das neue Stützen-System eingebaut werden konnte. Die Vorstellung amüsierte ihn, wie sie ihn wohl davon überzeugt hatte, dies durchzusetzen!
Es gab so Vieles zu durchdenken und zu organisieren. Zunächst einmal hatten sie einen Plan aufzustellen, wie sie überhaupt vorgehen wollten, was sie erreichen wollten und was, wann, wie und mit wessen Hilfe durchgeführt werden sollte. Dabei fielen ihnen immer wieder neue Gesichtspunkte ein, die zu berücksichtigen und zu diskutieren waren, und ein Wort gab das andere. Es machte wirklich Spaß! Sie war klug, sie dachte mit, wenn er etwas einbrachte, sie brachte selbst viele Anregungen ein, hinterfragte, wog ab, und mit der Zeit erröteten ihre Wangen immer mehr. Süß!  Adam war erstaunt, als er feststellte, dass es bald Zeit für den Familientee sein würde.

„Möchten Sie sich noch ein wenig auf der Ponderosa umsehen? Soll ich Sie herumführen, damit Sie auch sehen, wo sie „arbeiten“?“ Adam stand auf und bot ihr seinen Arm, als sie seinen Vorschlag begeistert annahm. Er spazierte mit ihr über den Hof, wo ihr langes Kleid den Sand aufwirbelte. Zuerst führte er sie in den Stall. Rosalie streichelte jedem Pferd über die Nüstern. Buck schnaubte freudig über die Liebkosung.
„Reiten Sie gerne?“, fragte Adam. Verlegen sah sie ihn an. „Ich bin früher sehr gerne geritten und ich durfte eine Zeit lang in der Nähe des Klosters Reitunterricht nehmen. Das war sogar ausdrücklich gewünscht. Das – natürlich so nicht explizit genannte - vorrangige Erziehungsziel unserer gestrengen Ausbildung im Internat lag darin, dass wir später möglichst vorteilhaft zu verheiraten wären. Dafür bezahlten die Eltern viel Geld. Und im Westen Amerikas gehört es wohl dazu, dass eine Dame reiten kann. Also wurde es gefördert. Aber mein Mann möchte nicht, dass ich reite!“ „Aber weshalb denn nicht?“, fragte Adam erstaunt. Er konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen. Rosalie senkte den Blick und erwiderte nichts. Obwohl er gerne nachgehakt hätte, wechselte er das Thema. Er wollte sie auf keinen Fall irgendwie beschämen.
„Und das ist unsere Kliuna-ai!“ Betont munter wies er zur hintersten Box, wo ein Pferd mit wunderlicher Farbe und seltsam struppigem Fell stand. Die Kreise seiner Fellzeichnung sahen aus wie bei einem Apfelschimmel, waren jedoch gelblich. Das Pferd sah aus, als wäre es von einem wunderlichen Maler verziert worden. Vorsichtig näherte sich Rosalie dem ängstlich schnaubenden Tier. Erst als Adam seine Hand in die Box streckte, kam es zaghaft näher. Bereitwillig ließ es sich von ihm liebkosen. Nach einer Weile nahm es ebenso willig auch von Rosalie Zärtlichkeiten an. Schließlich stupste es sie sogar an, als sie ihre Hand zurückziehen wollte. Lachend kraulte Rosalie es wieder zwischen den Ohren. Adam hörte ihr Lachen gerne. Es gehörte zu der anderen Rosalie, zu dem Mädchen, das voller Freude über eine Blumenwiese ging, das … .
„Wem gehört dieses Pferd?“ Mit ihrer Frage unterbrach sie jäh seine Gedanken. „Es gehört eigentlich Little Joe. Das ist eine eigene Geschichte. Er soll sie ihnen einmal selbst erzählen. Auf jeden Fall hat er sie von den Paiute geschenkt bekommen. Kliuna-ai bedeutet „Vollmond“. Sie ist ungewöhnlich ausdauernd und lauffreudig, aber auch eigenwillig und anspruchsvoll und wir haben keine rechte Verwendung für sie. Wir wollten sie schon verkaufen, da entdeckten wir, dass sie leicht lahmte. Die Verletzung wird heilen, doch inzwischen wissen wir, dass sie trächtig ist. Little Joe bringt es nicht übers Herz, sie jetzt herzugeben. Also soll sie ihr Fohlen bekommen und dann sehen wir weiter!“
„Wie schön für sie!“ Rosalie verabschiedete sich von dem Pferd und sie traten wieder ins gleißende Sonnenlicht.

Adam bedauerte, dass keine Zeit bleiben würde, zum Lake Tahoe zu reiten. Was sollte dieser Unsinn, dass sie nicht reiten solle? Irgendwann würde er ihr den See bestimmt zeigen! Die Aussicht von den Santer Rocks auf der Ponderosa hinab auf den See war traumhaft schön! Stattdessen führte er sie zum Kleinen See, an dessen Ufer er für den kleinen Joe hatte Boote aus Baumrinde fahren lassen, wo er mit seinem Jugendfreund Carl am Lagerfeuer gesessen und allerhand Abenteuer ersonnen hatte, wo er viele schöne Stunden verbracht hatte.
Als sie aus dem Schatten der Bäume an dessen Ufer traten, blieb Rosalie stehen. Tief atmete sie ein. „Es ist wunder-, wunderschön! Das Wasser hat eine beinahe magische Farbe!“ Er sah auf sie hinab und beobachtete, wie sie fasziniert die Landschaft in sich aufnahm. Wie es wohl wäre, wenn sie nicht Mrs. Chapman wäre? Was würde er dann jetzt sagen? Würden sie sich ans Ufer setzen? Adam lächelte in sich hinein. Müßige Gedanken!
„Sie sollten einmal den Lake Tahoe vom höchsten Punkt der Ponderosa sehen! Er ist großartig!“, sagte er.
Ihre Augen schauten in die Ferne. „Ich habe ihn schon einmal von seinem Westufer aus gesehen. Er ist mächtig anzuschauen, aber er ist groß und unüberschaubar. Seine entfernteren Ufer liegen verborgen. Diesen kleinen See hier kann ich vollständig überblicken. Er sieht heimelig und freundlich aus, ohne versteckte Winkel. Das vermittelt – nun ja, irgendwie ein Gefühl der Geborgenheit!“ Sie stockte. „Ach, Sie müssen denken, ich rede Unsinn!“ Verlegen blickte sie zu Boden. Schnell erwiderte er: „Aber nein, wie kommen sie dazu. Ich liebe diesen See auch, seitdem wir auf diesem Land leben, und verstehe sehr gut, was sie meinen! Dieser See hat etwas Besonderes!“

Schweigend schritten sie weiter. Adam dachte dabei über Rosalie nach. Vorhin hatte er hinter ihrer perfekten gesellschaftlichen Fassade wieder eine warmherzige, offene, sensible, diskussionsfreudige und kluge Frau erlebt. Doch manchmal wirkte sie so in sich gekehrt, beinahe traurig. Mit wem teilte sie ihre Gedanken? Doch sicherlich nicht mit Chapman, der in einer anderen Welt zu leben schien als sie. Was der jetzt wohl machte? Ob es ihm recht war, dass seine Frau hier war? Er war ein Freund von Doc Martin. Vielleicht saßen sie noch auf ein Glas im „Boston Saloon“, wo sich immer ein paar Männer im Hinterzimmer beim Kartenspiel fanden. Adam war schon lange nicht mehr dort gewesen. Was wohl Timothy machte? Ob er seine Träume aufgegeben hatte? Er musste einmal zu ihm hinüberreiten, wenn er ihn im Saloon nicht antraf. Vielleicht morgen Abend…. .

Hop Sing hatte einen Tisch auf der Veranda gedeckt, sogar mit Blumen, die um diese Jahreszeit selten waren, weil die Hitze bereits fast alle Blüten versengt hatte. Wo hatte er die denn nur aufgetrieben? Adam schmunzelte in sich hinein. Der immer etwas echauffiert wirkende Koch hatte offenbar eine klitzekleine Schwäche. Wo er sich doch von weißen, amerikanischen Frauen nicht beeindrucken ließ. Oder überhaupt von irgendjemandem … .
Pa, Hoss und Joe begrüßten den Gast herzlich und baten zu Tisch. Sofort nachdem sie Platz genommen hatten, erkundigte sich der Vater interessiert nach dem Ergebnis ihrer Sitzung, und Rosalie berichtete von den ersten Plänen, die sie mit Adam geschmiedet hatte. Die meisten Frauen benahmen sich in Gesellschaft von vier Herren, noch dazu unverheirateten, sehr bedacht und manches Mal auch affektiert. Rosalie dagegen gab sich, als wäre es nichts Ungewöhnliches, wenn sich eine junge Frau mit einem wesentlich älteren Mann über geschäftliche Dinge und logistische Angelegenheiten austauscht, und sprach frei und offenherzig. An Pas Gesicht sahen seine Söhne, dass dieser seine heimliche Freude an dem einseitig lebhaften Dialog hatte. Adam hielt sich lächelnd zurück.
Rosalie hatte zunächst an die aktuelle Versorgung der Notleidenden gedacht und Pläne erstellt, welche der Frauen aus der Stadt sie um Hilfe bitten könnte, um Geld und Hilfsgüter zu sammeln. Dies bedurfte einiger Überzeugungskünste, aber Adam war sich sicher, dass Rosalie dies schaffen würde. Nicht wenige der bessergestellten Damen in Virginia City waren froh, über die alltäglichen Existenznöte erhaben zu sein, und es war ihnen auch nicht zu verdenken. Zu viele Andere mussten um ihr Überleben in einer rauen Wirklichkeit kämpfen. Dass aus einer guten materiellen Versorgung jedoch eine gewisse soziale Verpflichtung erwuchs, wurzelte tief in Rosalies Verständnis des menschlichen Daseins.
Adams neue „Geschäftspartnerin“, wie Little Joe sie scherzhaft seit jenem ersten Abendessen nannte, wofür er jedoch beim ersten Mal eine Kopfnuss geerntet hatte, hoffte, ihren Status ausnutzen zu können. Sie hatte bisher keine Freundinnen im engeren Sinne in der Stadt, war aber noch neu und „exotisch“ genug, dass sie vielleicht ein Vorbild sein konnte, dem einige Damen nacheifern würden. Rosalie erläuterte den Cartwrights ihr Vorhaben, ihre Kleider im Rahmen eines Wohltätigkeitsbasars zu versteigern. Ray Chapman legte Wert auf ein gewisses Auftreten und wollte nicht, dass seine Gemahlin ein Kleid mehr als zwei-, allerhöchstens dreimal in Gesellschaft trug. Er konnte es sich leisten. Rosalie Chapman dagegen trug nur, was sie auch wirklich mochte, und wollte nicht einsehen, die praktisch noch neuen Kleider wegzuwerfen. Sie konnten noch verschenkt werden, ja, aber dennoch blieb es eine Art von Verschwendung. Die Mutter hatte jedes Stück Stoff unermüdlich lange ausgebessert, bis es so dünn wurde, dass es irreparabel riss. Mit verkniffenem Gesicht hatte sie stundenlang am Fenster gesessen und genäht. Überhaupt hatte es zu Hause als Hoffart gegolten, sich schöne und üppige Kleider zu wünschen und diese gar zu tragen. Ganz konnte sich Rosalie von diesem Erbe nicht lösen.
Adam schaute auf das breite Satinband, das ihr Kleid über der Brust quer abschloss und über die Oberarme verlief, die ansonsten nackt blieben. Unterhalb des Bandes war das Kleid sehr schlicht geschnitten, war aber von so feinem Stoff, dass es edel schillerte. Das Blütenblatt einer rosafarbenen Kletterrose vom Vordach schwebte herab und blieb auf dem weit geschwungenen Rock hängen.
„Wann werden Sie denn ihre Kleider versteigern? Und …“ – ein Zögern – „wie viel werden sie dann wohl kosten? Wie viel wird dafür geboten werden?“ Little Joe, der nervös vor und zurück schaukelte, kippte mit seinem Stuhl nach vorne. Was wollte er denn nun wieder?
„Überschlägst Du im Kopf Dein Taschengeld?“, fragte Pa mit einem gütigen Lächeln. Seine Laune war inzwischen blendend zu nennen. Jovial klopfte er seinem Jüngsten auf die Schulter.
„Wofür brauchst Du denn noch ein Kleid? Hast Du nicht schon genug?“ Hoss kicherte vor sich hin.
„Sehr witzig!“ Joe beugte sich genervt vor. Auf Adams Stirn erschienen skeptische Falten. Sein kritischer Blick blieb dem aufmerksamen Gast nicht verborgen. Ein bisschen peinlich berührt – aber er versuchte, die eigene, lästige Familie zu ignorieren – erwähnte Joe  so „gewisse“ Schwierigkeiten mit seiner Alice.
„Gewisse“ Schwierigkeiten? Rosalie beugte sich nun ihrerseits leicht nach vorne. Gekonnt verbarg sie das Fragezeichen auf ihrer Stirn, zumindest besser als Vater und Brüder. Ob sie helfen könne?
Es stellte sich heraus, dass Alice „gewisse“ Vorstellungen hatte. Kurzum – der unglücklich Liebende kippte kurzzeitig ganz mit seinem Stuhl um, den er jedoch unter des Vaters gestrengem Blick schnell wieder aufrichtete - also kurzum, Alice hatte das Gefühl, nicht mit dem armen Joe auf den großen Ball, den die Stadt in vier Wochen zur Jahrfeier ausrichten würde und der DAS gesellschaftliche Ereignis der Stadt darstellte, gehen zu können, da sie sich nicht angemessen kleiden könne. Die Taschengeldmenge des jungen Freiers aber war nicht unbedingt auf solcherlei Ausgaben hin ausgerichtet. Also, … . Rosalie verstand! „Wie wäre es, wenn Sie in den nächsten Tagen einmal bei mir vorbeikommen würden, und wir suchen ein Kleid für Alice aus? Vielleicht kann sie es selbst ändern, ansonsten bemühen wir meine Schneiderin. Und sie werden Ihrer Angebeteten sagen, sie hätten exklusiv die Vorauswahl gehabt! Bringen Sie Ihre Brüder zur Auswahl mit und ich lade Sie noch zu einer Tasse Kaffee ein!“
Als Little Joe nicht so begeistert reagierte, wie sie erwartet hatte, setzte sie nach: “Zu einem symbolischen Preis!“. Da brach sich endlich die Begeisterung Bahn, und Little Joe schüttelte Rosalie eifrig über den Tisch hinweg die Hand! „Das würden Sie für mich tun?“
Zum größten Unwillen seines Jüngsten hob mitten in die Freude hinein Pa die Hand. „Halt!“
Sein Wort war Gebot! „Das geht nicht, Little Joe! Mrs. Chapman will mit dem Verkauf ihrer Kleider Geld für die Bedürftigen gewinnen, und es geht nicht an, dass Du den Gewinn Deiner amourösen Abenteuer wegen schmälerst.“ Der Hieb auf den Tisch deutete an, dass diese Unterhaltung keine Fortsetzung finden würde.
Doch da hatte Pa nicht mit Rosalie gerechnet. Adam beobachtete die Szene mit wachsendem Vergnügen. Er lehnte sich grinsend zurück und nahm einen Schluck Tee. Mit eben DIESEM Blick beugte sich Rosalie vor: „Mr. Cartwright, dieses Projekt ist mein Herzensprojekt, verstehen Sie? Und es würde nie verwirklicht werden, wenn Adam nicht wäre, wofür ich ihm unbeschreiblich dankbar bin. Meinem Mann wäre es lieber, ich würde es sofort vergessen! Adam bringt seine Zeit und seine Kraft hierfür ein, und wenn ich dann eine Kleinigkeit für seinen Bruder tun kann, dann ist es mir eine Ehre und eine Pflicht!“
Sie hörte sich fast wie ein General an, und natürlich konnte sich Ben Cartwright dieser weiblichen Attacke nur geschlagen geben! Also gut!
Mit einem befriedigten Lächeln kippte Little Joe auf seinem Stuhl zurück. Endlich einmal jemand, der ihn verstand! Er hatte es so schon schwer! Aber er vermied einen triumphierenden Blick auf seinen Vater, welcher seine Gedanken geschickt verbarg. Adam konnte dennoch das heimliche Lächeln in dessen Mundwinkeln erahnen!

Erstaunlich ruhig verhielt sich Hoss.
Als Rosalie sich anschickte aufzubrechen und aufstand, um sich zu verabschieden, worauf sich auch die Herren sofort erhoben, fing er an, sich zu räuspern. Offensichtlich war der „Frosch im Hals“ jedoch nicht so einfach zu beseitigen. Er räusperte sich wieder und wieder. Er kratzte sich, und als ihn schließlich alle ansahen, sah er ein, dass er jetzt etwas sagen müsste. Er würde es nie zugeben, aber Adam liebte es, wenn Hoss dieses unbeschreibliche Gesicht machte, dieses Gesicht, das ein Höchstmaß an Unbehagen, Zerknirschung und Treuherzigkeit zeigte.
„Na los, Hoss!“ Adam klopfte seinem jüngeren Bruder aufmunternd auf die Schulter. „Was gibt es?“
Schließlich zog Hoss ein längliches Päckchen unter dem Tisch hervor, das er schüchtern Rosalie überreichte. Sichtlich gerührt nahm sie es an. „Aber Hoss, was verschafft mir die Ehre?“
„Nun ja, also …“, Hoss wusste nicht weiter. Aber seine liebe Familie war so grausam, dass ihm niemand aus der Situation half. Im Gegenteil, alle schauten ihn erwartungsvoll an! Pa lehnte sich gegen einen Pfeiler der Veranda und verschränkte die Arme! Little Joe hatte sich mit belustigtem Grinsen nochmals hingesetzt! Adam stellte sein linkes Bein auf seinen Stuhl und stütze sich mit dem Ellbogen darauf auf. Die drei Zuschauer beobachteten genüsslich die Szene, die sich ihnen darbot.
„Es ist wegen Ihres Kleides, Ma’am! Sie wissen schon!“, brachte Hoss schließlich hervor. „Wie lieb von Ihnen. Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen! Es ist doch überhaupt nichts geschehen!“ Das war die Dame. „Aber ich freue mich sehr! Ich bin so gespannt! Darf ich es gleich auspacken?“ Begeistert blitzende Augen. Das war das Mädchen. Adam hatte kein anderes Wort dafür!
Rosalie wickelte erwartungsvoll ihr Geschenk aus -  und fand in dem braunen Packpapier einen selbstgeschnitzten Brieföffner vor, dessen oberes, breiteres Ende zwei liebevoll ausgearbeitete, feinverschlungene Buchstaben, „R“ und „C“, zierten. Der Schaft war mit feinsten Ritzungen verziert, die stilisierte Rosen und exotische Vögel darstellten. Einen Moment stand sie staunend still, dann schaute sie mit leuchtenden Augen auf. „Hoss, das ist wunderschön! Haben Sie das selbstgemacht?“
„Njaaa! Sie haben ja sicherlich schon einen Brieföffner!“ Verlegen kratzte er sich wiederum. Mit einem aufrichtigen Blick gestand Rosalie: „Ehrlich gesagt, besitze ich mindestens sieben Brieföffner, wenn nicht mehr. Es ist scheinbar so, dass ein Brieföffner vielen, die nicht wissen, was sie mir mitbringen könnten, als passendes Geschenk erscheint - als etwas, das eine Frau immer gebrauchen kann. Aber, Hoss! Ich habe noch nie einen so liebevoll für MICH persönlich hergestellten, selbst gemachten Brieföffner bekommen, vielleicht noch nie ein so liebevoll hergestelltes Geschenk überhaupt!“ (Letzteres wagte Adam zu bezweifeln. Sie bekam sicherlich viele Geschenke von Herzen. Aber wenn, dann war es eine charmante Lüge!)
Rosalie ging um den Tisch herum, wobei aller Augen ihr folgten, umarmte den gerührten Hoss für einen Moment innig und schien dann einen zarten Kuss auf seine Wange zu hauchen. Sie meinte es ernst: „Danke! Sie haben mir eine große Freude gemacht! Es wird mein EINZIGER Brieföffner sein!“ Den anschließenden Moment der Befangenheit überspielte sie mit einem heiteren: „Sie sind sehr charmant! Aber jetzt wird es  höchste Zeit für mich zu gehen! Haben Sie herzlichen Dank für alles!“ in die Runde. Hoss’ Augen glänzten! Na bitte!

Adam ließ ihren Kutscher rufen, der geduldig in einer Kammer neben dem Stall gewartet und geschnitzt hatte, und geleitete sie zu ihrem Wagen. Sie verabschiedeten sich bis zum nächsten Mittwoch.



 rose
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   Do Dez 12, 2013 4:37 pm

Oh Rosy,

 heart  und lieben Dank!  danke   hug   applaus
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Rosy115
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   Fr Dez 13, 2013 10:30 am

rot  Liebe Bona,

vielen Dank!  danke 

Ganz viele liebe Grüße  santa 

Rosy
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Christina 24
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   Fr Dez 13, 2013 11:51 am

Du schreibst wunderschön und so anschaulich: ich sehe Pernell als Adam vor mir!
Vielen lieben Dank  blumen 
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Pernell4ever
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   Di Sep 16, 2014 8:51 pm

heart wow wow heart

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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel II   

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