Pernell Roberts

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 Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A

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Rosy115
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BeitragThema: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   Mo Apr 15, 2013 11:49 pm

Ich wünsche Euch eine gute Woche und ein klein wenig Vergnügen mit meiner Geschichte!

Liebe Grüße

Rosy  

Für "BEL" :   rose



1. Kapitel: Ein Dinner im Hause Cartwright

Vielleicht war es dieser Blick. Vielleicht war es dieser Blick am Ende eines heißen anstrengenden Tages. Vielleicht war es die Wärme, die diese Frau ausstrahlte, die soeben vom Wagen stieg.

Er war enttäuscht gewesen. Die Verlockung, mit Carol zum Tanz bei „Fenner’s Hope“ zu gehen und ein paar Freunde zu treffen, war größer erschienen, als der Konvention Platz zu machen und Pas neuen Geschäftspartner beim Abendessen zu unterhalten. Aber Adam hatte der Bitte seines Vaters nachgegeben (War es eine Bitte?) und war zu Hause geblieben. Mr. Ray Chapman, er lebte erst seit kurzer Zeit in Virginia City, wollte in der Gegend investieren und Geschäfte mit der Ponderosa machen, die für letztere von großer finanzieller Bedeutung sein könnten. Ben Cartwright erkannte die Chance, die Chapmans vielfältige und noch nicht ganz zu durchschauende Interessen für die wirtschaftliche Entwicklung der Gegend bieten würden: der Ausbau der Handelsstrecken, Investitionen in Mühlen, Minen, ….
Wofür, was Gewinn versprach, schien Chapman sich eigentlich nicht zu interessieren?

Von ihrem großen, mondänen Haus in San Francisco waren die Chapmans nach Nevada gekommen, um vor Ort Kontakte zu knüpfen. Sie bewohnten nun ein Haus in Virginia City, das mühelos mehreren Familien Unterschlupf gewährt hätte, und waren kinderlos. Er solle, so wurde berichtet, ein Selfmademan sein, einer, der sich alleine hochgearbeitet habe. Niemand hier in der Gegend wusste, womit er sein Geld genau gemacht hatte, aber dass er genug davon hatte, lag für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt auf der Hand.
Und was hatte Joes neue Flamme, Alice, von ihr erzählt? Von der schönen, reichen Mrs. Chapman? Dass die Frauen der ganzen Stadt von ihr sprachen. Dass sie neugierig, abschätzig, umschmeichelnd die neue Frau im Ort beobachteten: Welche Kleider trug sie? Was brachte sie an Extravaganzen aus der schillernden Hafenmetropole mit? Wen würde sie zum Tee einladen? Es wurde kolportiert, dass sie nicht aus San Francisco stammte und eher aus bescheideneren Verhältnissen kam, wie Chapman auch.
Er wusste auch nicht warum, es war eigentlich nicht seine Art, sich von Leuten ein vorschnelles Bild zu machen, aber Adam hatte aus den Erzählungen seines Vaters, der Chapman von Harold Franks, seinem Anwalt in San Francisco, bei seiner letzten Reise dorthin vorgestellt worden war, und dem, was er in der Stadt an Geschwätz gehört hatte, ein erstes Bild gewonnen von den Chapmans: Ein aufstrebender, arroganter und rücksichtsloser – aber erfolgreicher Geschäftsmann, dessen tatsächlicher Gewinn für die Gegend ihm persönlich noch zweifelhaft erschien, und seine auf ihren Status bedachte Frau Gemahlin. Es war nicht die erste Lady dieser neureichen Schicht, der er begegnete. Seit der Gründung des Staates Kalifornien tummelten sich dort viele Glücksritter. Diejenigen, die es zu etwas gebracht hatten, lebten ihren Erfolg meist hemmungslos aus. Ihre Frauen suchten sich abzusetzen von den schlechter gestellten: Viele Damen waren sehr darauf aus, ihren Vermögensstand für alle sichtbar zu machen. Auch unter Pas Freunden aus früheren Zeiten gab es Leute, für die das Erreichen dieser Gesellschaftsschicht das Lebensziel darstellte. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Frau von Horace… .
Chapman, hieß es, solle gerne Hof halten in seinem repräsentativen Haus mitten in Virginia City, über das er jedoch nie vergaß zu erwähnen, wie bescheiden es doch sei.
Irgendwie machte ihn das Ganze wütend … .

Nun ja, er würde sehen! Müde rieb er sich die Stirn. Gehorsam hatte er sich fein angezogen, seine Schleife gebunden und wartete nun im Hof geduldig hinter seinem Vater und seinen Brüdern auf das Fuhrwerk, als Hufgetrappel zu vernehmen war. Eine schlanke Gestalt in zartem, weinrotem Stoff erhob sich von der Kutschbank und reichte dem Vater die Hand hinab. Mit halbem Ohr nur vernahm er die Begrüßung durch den Vater.
Der Blick. Der Blick bannte ihn für einen Moment. Es waren nur Sekunden, die verstrichen, als er – als Letzter der Familie - ihre Hand nahm und küsste. Was hatte er erwartet?
Neugierig glitt sein Blick über diese Frau. Die Haltung war die einer vollendeten Dame und schien in merkwürdigem Kontrast zu stehen zu dem jugendlich wirkenden Gesicht, aus dem ihm zwei Augen offen entgegensahen, die aufregend zwischen geheimnisvollem Grün und warmem Braun changierten.
Wie oft sah einem jemand so direkt in die Augen? Ein Blick wie… .
Das lange, braune, kunstvoll gebundene Haar fiel schwer auf den Rücken. Wie es wohl offen aussah? Wenn es über diese reizvollen Schultern fiel….
„Es freut mich sehr …“ ,  „ Ja, gerne …“, „Schön ist es hier…“, „Nett, Sie kennenzulernen…“
Weinrot der Mund …
Der Ausschnitt war für eine Lady erstaunlich tief, und anstelle eines Umhangs trug sie eine Stola aus feinstem Stoff. Dies war vielleicht das einzige Zeichen von Luxus, das sie trug. Sie war beinahe schmucklos. Nur eine zarte Kette mit fast mädchenhaftem Anhänger zierte den glatten Hals, der … .
Dahinter der hellblonde, glatt in der Mitte gescheitelte Schopf von Ray Chapman. Im fein gestreiften Anzug, den Zylinder in der Hand, mit blanken Schuhen wandte er sich von Joe ab, schritt auf Adam zu und wurde ihm vorgestellt. Ein fester Händedruck. Die wachen blauen Augen taxierten ihn. Was er wohl dachte?

Inzwischen schritt Mrs. Chapman am Arm von Pa auf das Haus zu. Was mochte dieser Abend bringen?
Adam beobachtete, wie die Gäste ihren Blick durch das Haus gleiten ließen, wie Mrs. Chapman mit geübten Fingern die Nadeln aus dem Haar zog, die das kleine Hütchen hielten, und wie sie alles zusammen mit ihren Handschuhen und dem Täschchen auf die Kommode legte, auf der jederzeit ihre Revolver bereit lagen.
Ein seltsames Bild, dachte er … .

Am festlich gedeckten Tisch wartete Hop Sing auf. Stoisch servierte er seinen Hong Kong – Eintopf.
Adam saß am Kopfende, seinem Vater gegenüber, zu seiner Linken saß Mrs. Chapman – Wie hieß sie wohl mit Vornamen? Auf ihrer anderen Seite saß ihr Mann, der sofort ein reges Gespräch mit Pa begann. Gegenüber des Besuchs hatten die Brüder Platz genommen.
Gesprächsfetzen flogen hin und her. Lange hörte Adam nur zu und beobachtete die Tischgesellschaft. Er sah Hoss’ Augen blitzen, als Little Joe einen Scherz zum Besten gab – Lachen konnte sein gewichtiger Bruder nicht, denn sein Mund war voll und seine Backen spannten sich genüsslich über einem Stück Brot. Der Kleine dagegen lehnte sich immer wieder über den Tisch, um den weiblichen Gast mit seinen Geschichten zum Lächeln zu bewegen. Ein liebreizendes Lächeln, das musste Adam zugeben! Chapman war inzwischen vom heißen Wetter Nevadas über ungünstige Börsenkurse, schlechte Goldpreise und den besten Whisky der Vereinigten Staaten bei seinem offensichtlichen Lieblingsthema angekommen: dem Ausbau der Handelswege, dessen politischer Absicherung durch Abkommen, … . Mrs. Chapman, die bisher auf charmante, ruhige Art ihre Contenance bewahrt hatte, wie es sich für eine Dame gehörte, lachte laut auf. Little Joe war in Bestform! Adam wandte seinen Kopf zu seiner schönen Nachbarin – und wurde wieder getroffen von dem Blick aus zwei strahlenden Augen. Wenn sie so strahlte … . Irritiert senkte er seinen Blick.

Beim Abtragen der Suppenteller meldete sich plötzlich Mrs. Chapman zu Wort. Zu Hop Sing gewandt meinte sie: „Das war sehr gut. Vielen Dank!“ Routiniert antwortete der gelobte Koch: „Danke sehl!“ „Es war mit einem ganz besonderen Gewürz versehen, das die Suppe ungewöhnlich gemacht hat. War dies ein Gewürz aus Ihrer Heimat?“ Verwirrt blieb Hop Sing stehen. Er war es zwar gewohnt, dass seine Arbeit geschätzt wurde, aber dass er über Komplimente hinaus direkt angesprochen wurde von fremden Gästen, war ihm neu – noch dazu von einer Frau. „Wal Ingwel! Wild nicht kennen die gnädige Flau!“ „Ich habe schon von Ingwer gehört! Er soll in China und Indien als Heilpflanze verwendet werden und bei Muskel- und Gelenkschmerzen sowie gegen Entzündungen eingesetzt werden!“ „Jawohl!“ Mehr fiel dem armen Hop Sing nicht ein zu sagen. „Vermissen Sie Ihre Heimat manchmal?“
Hop Sing ging schweigend in die Küche, stellte die Teller ab, holte Platten mit Süßkartoffeln, Hühnchenfleisch in Sojasoße und fein sautierten Rüben und blieb schließlich vor dem Gast stehen. Er hatte zuerst nicht gewusst, wie sie es gemeint hatte (Warum fragte sie das alles?), doch er spürte, dass sie einfach aufrichtiges Interesse hatte.
„Hop Sing oft denken an Heimat … .“ Und dann sprudelte es aus dem kleinen Mann heraus. Durch geschicktes Nachfragen forderte ihn seine Gesprächspartnerin zu angeregten Berichten aus China heraus. Er schilderte die Region, aus der er stammte, die Lebensbedingungen der Menschen dort und ihre Sitten, ruderte mit den Armen – und nahm schließlich die Fleischplatte, nach der Hoss gerade bereits zum zweiten Mal greifen wollte. Er hielt sie Mrs. Chapman hin mit den Worten: „Missis nehmen bestes Stück, sofolt!“, was einer Art Liebeserklärung gleich kam! Sie hatte wohl einen Freund gewonnen. Die Cartwrights warfen sich einen Blick zu!

Der Abend nahm seinen Lauf. Ray Chapman war zielgerichtet in seiner Gesprächsführung. Adam hatte das Gefühl, dass kein Satz aus seinem Munde ohne Berechnung fiel. Pa blieb ein souveräner Gesprächspartner, obwohl er müde zu werden schien. Die Standuhr schlug 9. Adam fragte sich, was die Brüder miteinander leise zu bereden hatten.

Während er ihr Wein nachgoss, machte sie ein Kompliment über das Haus, worauf es sich Hoss, der ausnahmsweise einmal seinen Mund leer hatte, nicht nehmen ließ zu erwähnen, dass Adam es geplant hatte, da er ja Architektur studiert habe. Interessiert wandte sie sich ihm zu: „Sie haben studiert?“ „Ja, Architektur und Ingenieurwesen, Ma’am!“ Feurig blitzten ihre Augen. „Das ist wunderbar. Ich stelle es mir herrlich vor, an einer Hochschule mit vielen gebildeten Menschen zusammen zu kommen. Ich würde auch gerne studieren!“
Doch ehe er antworten konnte, beugte sich Ray Chapman mit spöttischen Blick nach vorne, legte seiner Frau den Arm um die Taille und sagte mit belustigter Stimme: „Frauen und studieren! So weit käme es noch. Dann würden sie uns noch mehr dreinreden! Wozu sollte eine Frau sich mit all dem beschweren, was an den Hochschulen gelehrt wird? Und wozu sollte überhaupt irgendjemand studieren? Ein Mann kann es durch harte Arbeit zu etwas bringen, nicht durch Bücherlesen. Aber meine Frau träumt immer von dem, was sie Bildung nennt.“ Mit schallendem Lachen nahm er einen Schluck aus seinem Glas.
Adam sah einen Rothauch auf ihren Wangen erscheinen, und sofort hatte er das Bedürfnis, sie zu schützen. Wie kam dieser Mensch dazu, seine Frau derart zu brüskieren? Schnell sprang er in die Bresche: „Ich halte Bildung für etwas sehr Wertvolles! Die Gedanken der alten Griechen beispielsweise, die Philosophie der Neuzeit, die großen Dichter, all das, was Menschen vor uns gedacht und erfahren haben, kann für unser Leben eine wertvolle Anregung sein! Bücher sind ein großer Schatz für denjenigen, der ihn zu nutzen weiß!“
Um den Tisch war es ganz still geworden. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, aber er bemerkte nur ihre Augen, die ihn wach – und dankbar? – ansahen.

Sie war schön, ja, sie war schön.

„Ich lese sehr gerne!“ Ihre klare Stimme durchbrach den Raum und übertönte eine weitere Bemerkung Chapmans.
„Was lesen Sie denn besonders gerne?“, fragte Adam, und es interessierte ihn wirklich. Ray Chapman schöpfte hörbar Atem und Little Joe sprudelte munter drauf los: „Also für mich wäre ein Studium nichts. Das wäre mir viel zu langweilig. Auf der Ranch ist mehr los!“ „Es sei denn, es gäbe auch Frauen dort, nicht wahr, Kleiner?“, warf Hoss schelmisch ein, worauf alle erleichtert auflachten. Die Spannung am Tisch war verflogen, und Pa griff ein neues Thema auf: die ständigen Überfälle durch umherziehende Banden, die in letzter Zeit besorgniserregend zugenommen hatten.
Adam freute sich, dass seine Nachbarin sich ihm wieder zuwandte: Sie hatte die Frage nicht vergessen. „Ich habe mit großem Interesse Goethe gelesen, obwohl mein Deutsch nicht sehr gut ist und es mich einiges an Mühe gekostet hat. Natürlich hat mich sein Faust und das Schicksal Gretchens erschüttert. Aber am liebsten lese ich Flaubert, Stendhal und besonders Balzac.“
Adam war überrascht: „Lesen Sie die Werke im Original?“ Seines Wissens waren einige davon bisher nicht in englischer Sprache erschienen. „Ja, wenn möglich. Ich wurde in einer Klosterschule erzogen, in der Deutsch, Französisch und Italienisch unterrichtet wurden. Letzteres beherrsche ich jedoch kaum. Französich spreche ich relativ gut, weil die Eltern meiner Mutter aus Frankreich stammten.“ „Dann begeistert Sie also das „französische Dreigestirn“? Ich kenne Balzacs „Comédie humaine“, die ein vielleicht zutreffendes, aber nicht sehr vorteilhaftes Bild der modernen französischen Gesellschaft gibt.“
Daraus entspann sich ein angeregter Disput über die Parallelen der amerikanischen und der mitteleuropäischen Gesellschaft und ihren jeweiligen Problemen. Vor allem die Stellung der Frauen war ein Thema, das Mrs. Chapmans Augen zum Blitzen brachte. Es war offensichtlich, dass sie ihre Rolle nicht nur als Zierde ihres Mannes sah. Und es war ebenso offensichtlich, das Ray Chapman das anders sah.

Adam bedauerte es sehr, als ihre Diskussion unterbrochen wurde von Pa, der vorschlug, noch einen Drink am Kamin zu nehmen. Gerne hätte er länger mit ihr über die unglückliche Madame Bovary gesprochen, die Heldin des jüngst erschnen Romans von Flaubert, die mit ihrem Wunsch nach Erfüllung an den rigiden moralischen Normen der kapitalistischen Gesellschaft zerbrach und in deren Schicksal sich vielleicht auch ein wenig dasjenige seiner intelligenten Gesprächspartnerin spiegelte? Adam spürte, dass sie unglücklich war mit ihrem Mann. Dass ihn dies reizte, ignorierte er .. .
Er beobachtete sie, wie sie von ihrem Mann zum Sofa geführt wurde. Sie schien ihre Rolle zu spielen – artig, hübsch und gehorsam. Oder redete er sich das alles nur ein?
„Rosalie, wir sollten doch die Cartwrights auch einmal zum Essen einladen, findest Du nicht?“, tönte Chapman durch den Raum. „Rosalie“ hieß sie also, wie eine Rose, leicht, beschwingt, zart und schön, … . Adam war sich nicht sicher, ob er Lust hatte, ein Diner im Chapman’schen Haus über sich ergehen zu lassen, doch vielleicht war es auch ganz reizvoll … .
Um den Wohnzimmertisch entspann sich eine rege Unterhaltung über die führenden Köpfe in der Stadt, ihre Frauen, ihre Taten und Untaten… . Hoss schien sich in seinem Hemd nicht richtig wohl zu fühlen. Er krümmte den Rücken, streckte den Arm vor und zurück und brummelte vor sich hin. Joe schaute auf den Boden und schien mit den Gedanken woanders zu sein.

Da kam die Sprache auf das große Minenunglück jenseits des Pyramid Lake in den Helmer’sDream Mines. Mindestens 256 Goldschürfer waren verunglückt, vielleicht waren es noch mehr, als in den völlig unzureichend abgesicherten und belüfteten Stollen ein Brand ausbrach. Es kam zu Explosionen und Einstürzen. Weit und breit war keine Stadt in der Nähe, aus der schnelle Hilfe für die zahlreichen Verwundeten und die hinterbliebenen Familien kommen konnte, die in hastig errichteten Unterkünften unter teilweise erbärmlichen Bedingungen hausten. Die Minen wurden noch nicht lange ausgebeutet und die Gegend war kaum besiedelt. Am Rande des Großen Beckens gelegen erstreckte sich nach Norden nur die Black Rock–Wüste. Das Große Becken selbst war von Wüsten und Steppen durchzogen und es hauste allerlei Gesindel dort. Wie überall zog der Erfolg der Goldgräber und Silberbergbauern auch zahlreiche Banditen an, die in der Umgegend ihr Unwesen trieben. Vor allem die Witwen hatten nun unter ihnen zu leiden, so wurde es erzählt. Die Stollen waren noch nicht annähernd wieder freigeräumt, als die überlebenden Männer schon wieder gedrängt wurden, ihre Arbeit erneut aufzunehmen. Wer sich weigerte, war sofort ohne Job.
Rosalie Chapman interessierte sich lebhaft für das Schicksal dieser Leute. Mit echtem Engagement, wie es schien, sprach sie von ihrer Vision, den Menschen dort zu helfen – zum einen mit einer Versorgung durch das Notwendigste, zum anderen jedoch mit einer Absicherung der dort tätigen Arbeiter und ihrer Familien. In manchen Staaten gab es so etwas bereits, doch Nevada war noch immer nicht der Union beigetreten und besaß kein öffentliches Sozialsystem.
Wie jedes Mal, wenn seine Frau sich für ein Thema leidenschaftlicher erwärmte, rutsche Ray Chapman ungeduldig auf seinem Platz herum. Es schien ihm nicht zu passen, wenn sie ihre eigenen Gedanken entwickelte. Chapman hatte Anteile an den Helmer’sDream Mines und seine Frau hegte den Wunsch, dass er diese Anteile aufstocken solle, um durch eine Mehrheit in den Minen etwas verändern zu können. Lebhaft schilderte sie, dass sie nur noch nicht wisse, wie genau zu helfen sei.
Da erinnerte sich Hoss an ihre Erfahrungen mit dem genialen Konstrukteur Mr. Deidesheimer. Er erinnerte sich, wie Adam … . Ebenso lebhaft stellte er sein halbvolles Glas – der schwere, süßliche Likör schmeckte ihm sowieso nicht so gut – auf den Tisch vor dem Kamin, um davon zu berichten, als das etwas zu achtlos und viel zu schwungvoll abgestellte Glas umkippte und sein Inhalt sich über Rosalie Chapmans feines, weinrotes Seidenkleid ergoss. Ein dunkler Fleck zeichnete sich auf dem raffiniert irisierenden Stoff ab. Hoss’ ruckartige Bewegung nach vorne brach plötzlich ab. Was sollte er auch tun? Er schaute bestürzt, Pas Blick war ärgerlich, Chapmans Blick ungehalten, in Joes Gesicht zuckte es (Er wird doch nicht?). Adam wollte rasch etwas sagen, doch unterbrach er damit Hoss, der einen verzweifelten Entschuldigungsversuch wagen wollte. Letzterer endete in einem hilflosen Stammeln … .
Der erwartete Aufschrei blieb aus. Gelassen meinte die Betroffene: „Ich bitte Sie, das macht doch nichts, Hoss! Lassen Sie nur!“ Sie ließ seinen armen Bruder nicht in die Küche fliehen, wo er einen feuchten Lappen holen (und wahrscheinlich einfach nur kurz verschwinden) wollte. Wiederum murmelte Hoss eine Art Entschuldigung. „Es ist nur ein Stück Stoff! Wissen Sie, ich verrate ihnen etwas: Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin froh, dass so etwas auch anderen Menschen passiert.“ Instinktiv erfasste sie wohl Hoss’ Gefühlslage. Wieso passierte so etwas immer ihm?
„ Ich war am Anfang meiner Ehe“ (Wie alt war sie wohl?) „immer sehr aufgeregt vor festlichen Anlässen. Mein Mann wollte sich in der besseren Gesellschaft etablieren und ich sollte ihm dabei helfen. Dabei hatte ich immer schrecklich Angst, dass ich etwas falsch machen könnte oder ich nichts Passendes würde sagen können. Eines Abends sagte er zu mir, dass der Empfang, zu dem wir uns ankleideten, besonders wichtig für ihn sei. Er wollte gerne Geschäftspartner eines angesehenen Kaufmanns werden. Gerade mit dessen Gattin fiel es mir jedoch besonders schwer, ins Gespräch zu kommen, und ausgerechnet dieser gestrengen Dame trat ich auf das Kleid, als sie sich anschickte, den soeben eingetroffenen Gouverneur von Kalifornien zu begrüßen. Können Sie sich vorstellen, wie ich mich fühlte?“, fragte sie und funkelte Hoss dabei übermütig an. „Wahrscheinlich nicht weniger blöd und trampelig als ich gerade!“, antwortete dieser in seiner freimütigen Art. Seine Augen strahlten, als Rosalie herzlich auflachte und ihm zustimmte. Sie hatte die ganze Peinlichkeit der Situation hinweggefegt und in Hoss wahrscheinlich einen weiteren Freund fürs Leben gefunden.
Natürlich gab Litte Joe auch noch eine Geschichte zum Besten, die alle zum Lachen brachte. Selbst den  ziemlich humorlos wirkenden Mr. Chapman. Doch dieser wusste, welche Reaktion in welchem Moment gefragt war. Wie waren diese beiden Menschen zueinander gekommen? Liebten sie sich?  Für Adam und seine Brüder war es selbstverständlich, dass ein Paar dann heiratete, wenn es sich auch liebte, aber wie war es bei den beiden? Er hörte Pas Stimme im Ohr: „Das geht Dich gar nichts an!“. Stimmt!

Hoss nahm all seinen Mut zusammen und sagte doch noch, was er hatte sagen wollen. Ausführlich berichtete er von dem Stützensystem, das damals mit Mr. Deidesheimer konstruiert und ausprobiert worden war. Sofort begann Mrs. Chapman laut über die Schwierigkeiten nachzudenken: Wer bezahlte und beschaffte das Material für dieses Gerüst? Wie wurde es hingeschafft? Wer baute die Konstruktion? Wer sorgte für die Berechnung neue Lüftungsschächte? Was benötigten die Leute sofort zum Leben? Wer organisierte und bezahlte dies? Wie wurde hier der Transport organisiert?
„Ich werde Ihnen helfen.“ Adam löste sich von der Wand aus groben Steinquadern, an die er sich gelehnt hatte, und ging auf das Sofa zu. Er überging bewusst die hochgezogenen Augenbrauen seines Vaters, der bereits den Mund geöffnet hatte. „Gründen Sie eine Stiftung, die alles finanziert, und ich helfe Ihnen, den Transport und die Verteilung der Hilfsgüter sowie die Beschaffung der notwendigen Stützen zu organisieren! Wenn Ihr Mann die Mehrheit der Anteile hält oder seine jetzigen Partner überzeugt, werde ich helfen, die Konstruktion zu errichten!“
Pa zog hörbar die Luft ein. Die beschwichtigende Hand Little Joes auf Pas Arm sah Adam nicht. Schon eher die Augen von Rosalie Chapman, die ihn ungläubig anblickten. Sie sprang auf und legte für einen Moment ihre Hand auf Adams Arm. „Das würden Sie tun?“ Groß waren ihre Augen und – offen – der Blick. Ganz offen.
Sie setzte sich wieder, wandte sich zu ihrem Mann und legte nun ihm die Hand auf den Arm. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass sie ihn berührte. „Darf ich diese Stiftung gründen, wenn Adam Cartwright mir hilft? Darf ich? – BITTE!!“ Ray Chapman KONNTE sich nicht entziehen. Das war klar! So hatte sie ihren Mann den ganzen Abend noch nicht angesehen, und dieser wusste offenbar nicht wirklich damit umzugehen! Ganz der Mann von Welt erwiderte er endlich nach langem Zögern: „ Aber natürlich Liebes! Ist es nicht die edelste Aufgabe einer gut gestellten Frau zu helfen?“ Er hatte seine Nonchalance wiedergefunden. Ein bittersüßes Lächeln dazu … .
Den Blick Rosalies auf ihren Mann hätte Adam gerne auch noch für sich bekommen.

Der Abend verstrich, indem sich Mrs. Chapman vornehm zurückhielt und Pa von seinen Erfahrungen mit den Minenbesitzern der Gegend berichtete. Hop Sing klapperte immer noch mit dem Geschirr in der Küche. Hatte jemand die Stalltüre geschlossen?
Die Chapmans rüsteten sich zum Aufbruch. Freundliche Worte der Dankbarkeit, der Hut wurde wieder aufgesetzt und festgesteckt (Wie das wohl ging?), die Handschuhe genommen, Pa unterdrückte ein Gähnen, Wo war der Zylinder?, und die Chapmans verabschiedeten sich. Und Adam? Er verabschiedete sich nicht, ohne sich für den kommenden Mittwoch zu einer ersten Besprechung mit Rosalie Chapman zu verabreden. Auf der Ponderosa? Sie würde am Nachmittag kommen? Gerne … . Ein Handkuss, ein Blick in ihre Augen (Sie war höchstens fünfundzwanzig! Eher jünger!), ein Händedruck mit Chapman.

Die vier Cartwrights standen beieinander vor der Tür ihres Hauses in der Nacht, die endlich ein wenig Abkühlung gebracht hatte, und sahen dem Wagen nach. Wer brach die Stille zuerst?
„Bezaubernd!“, sagte Pa nur.
„Ja, bezaubernd!“ entgegnete Hoss.
„Diese Frau kann „Bitte“ sagen!“ meinte Joe bewundernd und alle lachten.
Adam sagte nichts.

Somnus, der Schlaf, ein ansonsten so zuverlässiger Begleiter, schien sich heute nicht einstellen zu wollen. Stattdessen zogen die Erinnerungen wie Wolkenfetzen an der Holzdecke entlang. Sie ballten sich und verdünnten sich wieder. In Windungen ins Unergründliche. Er war müde. Joe wird sich doch nicht in die schöne Rosalie verliebt haben? Er hatte ihr innig die Hand geküsst zum Abschied. Hoss natürlich auch. Wer nicht? Wenn sie Henry Blasdel wirklich zum Gouverneur von Nevada machten, dann konnten sie sich auf eine konservative Rechtssprechung gefasst machen! War Chapman Republikaner? Er war wahrscheinlich im Grunde ein unpolitischer Mensch. Er brauchte die Politik für seine Ambitionen. Er wollte Blasdel nach Virginia City holen. Adam fragte sich, ob … . Hoss schnarchte hörbar im anderen Zimmer. Sollte er „Madame Bovary“ auch einmal lesen? Oder war es eher ein … . Flaubert war ein kluger Kopf. Draußen zirpten die Grillen. Heute war es wirklich unerträglich heiß gewesen. Er stand auf und trat ans Fenster. Morgen würde er bei Carol vorbeireiten und sie fragen, ob sie ihn am Sonntag zum Basar begleiten wolle. Vielleicht könnte er ihr etwas Nettes kaufen. Sie hatte hübsche Augen.




Zuletzt von Rosy115 am Do März 27, 2014 12:35 pm bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   Do Apr 18, 2013 1:48 pm

Liebe Rosy

Bin sehr auf die Vortsetzung gespannt!!!!


das Du die Geschichte geschrieben hast und ich sie durfte!!!

Auch ich wünsche Dir eine gute Woche und ganz liebe Grüsse aus Zürich,

BONAGIRL
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Nelly
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   Fr Apr 19, 2013 2:02 pm

Liebe Rosy,

ich möchte mich hier auch noch einmal *sozusagen* öffentlich bei dir bedanken.

Bin so froh,dass du dich entschieden hast,deine Geschichte hier zu posten. hug danke
Freue mich schon sehr darauf,wenn es Nachschub gibt. lesen

_________________
LG Nelly
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Rosy115
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   Mo Apr 22, 2013 10:14 pm

rose Vielen Dank Ihr Beiden! rot rose
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   Di Sep 16, 2014 7:23 pm

Wow..... einfach klasse.......gleich weiter lesen lesen lesen lesen heart heart heart heart
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BeitragThema: Re: Vielleicht war es dieser Blick - Fanfiction, Kapitel I A   

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